Praxis für systemische Lösungen

Evelyne Steinemann
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Vierlinge

Social Trauma Therapy (STT)

Traumaheilung nach Dr. Anngwyn St. Just:

Dr. Annywyn St. Just leitet das Arizona Center for Social Trauma (ACST) in Jerome/Arizona. Ihr Spezialgebiet ist die Entwicklung von humanistischen, den Kontext betonenden Modellen im Rahmen der somatisch orientierten Traumatherapie. Seit Jahrzehnten erforscht und befasst sie sich mit dem Gebiet der Trauma Therapie, das sie in jahrelanger Zusammenarbeit mit Dr. Peter Levine massgeblich beeinflusste.

Was ist Social Trauma Therapy (STT)
Während eines überwältigenden Lebensereignisses gibt es einen Moment, in dem die Wahrnehmung der Zeit stoppt und ein Teil des Bewusstseins sich abspaltet. Dies ist zwar Teil eines schützenden Dissoziationsvorganges, kann aber dazu führen, dass ein Teil des Bewusstseins in der Vergangenheit festsitzt und diese Energie in der Gegenwart nicht zur Verfügung steht. Die Traumaarbeit versucht, diesen Moment "in dem die Zeit stillsteht", wieder zu finden, um die Zeit für das Individuum wieder vorwärts zu bewegen. So wird die in der Vergangenheit gebundene Energie freigesetzt, der Organismus aus der Fixierung herausbewegt, damit der Mensch sich wieder im Hier und Jetzt befinden kann.

Das noch junge Gebiet der Somatischen Traumatologie befasst sich mit der Entwicklung neuer, psycho-physiologischer Ansätze, mit denen es gelingt, bewusste und unbewusste Reaktionen auf überwältigende Lebensereignisse zu erkennen und zu behandeln. Die am Arizona Center for Social Trauma entwickelten Lehr-, Forschungs- und Behandlungs- programme basieren auf der Erkenntnis, dass psycho-physiologische Manifestationen von Traumata sich ein Leben lang direkt im sozialen Verhalten des Menschen widerspiegeln. Aus dieser Sichtweise werden in der Somatischen Traumatologie die Auswirkungen von ungelösten Traumata nicht allein auf das Individuum bezogen, sondern auch auf die Personen, die mit traumatisierten Menschen in Beziehung stehen - ebenso auf die weit darüber hinausgehenden lokalen, nationalen und globalen Zusammenhänge.

Kultur-, Geschichts- und Literaturstudien, aber auch die Aufmerksamkeit für tägliche Geschehnisse der Gegenwart zeigen uns, dass viele der als traumatisch erlebten Formen von "überwältigenden" Lebensereignissen schon immer Bestandteil des Lebens von Individuen, Volksgruppen, Nationen und der internationalen Gemeinschaft waren. Die Studienreihe "TRAUMA UND MENSCH-SEIN" (Trauma and the Human Condition) bietet sowohl eine historische, kulturelle und systemische Einbindung der Traumatologie als auch die Erforschung und Behandlung der physiologischen Reaktionen des Körpers auf Traumata. Diese Kombination macht die Ausübung unserer Trauma Arbeit zu einer Kunst, zu einem Abenteuer und zur Begegnung mit dem Mysterium des Mensch-Seins.

Die Spaltung von Denken und Fühlen ist der Grund für das persönliche und letztlich das sozial-globale Trauma. Wir können nur mit der Integration von Denken und Fühlen Traumata auflösen und und damit aus dem endlosen Kreislauf von Schuld und Anklage heraus kommen.

 

Was haben wir Menschen mit Baumringen und
Schalenmustern gemeinsam?

Auszug aus einem Interview von Dr. Anngwyn St. Just:

Meiner Ansicht nach soll die Trauma-Arbeit im wesentlichen Menschen dazu verhelfen, dass sie über das hinauswachsen können, was ihnen zugestoßen ist – was immer das auch sein mag. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass man Traumen weder „reparieren“ noch wirklich „überwinden“ kann. Überwältigende Lebenserfahrungen sind Teil unseres Seins und Werdens.

Die Lebensgeschichte eines Baumes können wir aus dem Muster seiner Ringe herauslesen; in einer Austernschale erkennen wir eine Art Landkarte, welche die Lebensgeschichte des Tieres und seiner Beziehung zum Meer erzählt. Ich glaube, dass wir mit den Baumringen und den Schalenmustern etwas gemeinsam haben: Was uns zugestossen ist, lässt unauslöschliche Spuren zurück. Deshalb besteht das Ziel der Trauma-Arbeit, wie ich sie sehe, nicht darin, etwas ungeschehen zu machen oder zu kurieren. Wenn man aber davon ausgeht, Trauma lösen statt eliminieren zu wollen, dann besteht die Möglichkeit, den menschlichen Organismus in all seinen Aspekten nach überwältigenden Ereignissen wieder in einen Zustand relativen Gleichgewichts und neuer Spannkraft zu versetzen.

Wenn es uns gelingt, uns soweit auszudehnen, dass unsere traumatischen Erfahrungen zu einer Kraft- und Sinnquelle werden, dann haben wir die Möglichkeit, eine besondere Art von Weisheit zu erlangen, die ich „schreckliches Wissen“ nenne. Die einzige Art, „schreckliches Wissen“ zu erlangen ist schrecklich; niemand würde sie bewusst suchen. Trotzdem können Menschen, die Traumen überlebt haben und über diese Art von Wissen verfügen, zu wertvollen Lebenslehrern werden.

Wir leben auf einem schwierigen Planeten in Zeiten voller Herausforderungen, und es ist einfach nicht möglich, Menschen vor Traumen zu schützen oder sie gegen jene Art überwältigender Erfahrungen zu impfen, welche zu Traumatisierung führen. Hingegen gibt es viele Wege, die Widerstandskraft zu stärken, und darin besteht ein wichtiger Teil dieser Arbeit.

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