1998 hörte ich zum ersten Mal etwas vom „Verlorenen Zwilling“. Ich gebe gern zu, dass ich den Gedanken, dass ein vor der Geburt verstorbenes Zwillingsgeschwister auf das Leben eines Menschen irgendeinen Einfluss haben könnte, damals ernsthaft in Zweifel zog. Mir fiel jedoch auf, dass Menschen, wenn es darum geht, in der Therapie ihr Problem zu schildern, oft auffällige Formulierungen benützen, zum Beispiel: „Ein nicht eingehaltener Rückkehrtermin meines Partners löst in mir massive Panik aus. Und ich bin überzeugt davon, dass etwas ganz Schlimmes passiert sein muss und ich allein zurückbleibe.“ Manche fühlen sich dann wie gelähmt oder sie fürchten, ihre ganze Lebensenergie zu verlieren, wenn sie von ihren Partnern verlassen werden. Andere schildern, dass sie, um Gefühle wie Leere und Einsamkeit nicht ertragen zu müssen, auch demütigende und zerstörerische Beziehungen eingehen und aufrechterhalten. Hauptsache, nicht allein!
Wieder andere fühlen sich innerlich getrieben und suchen nach etwas, ohne zu wissen, wonach, und sogar in einer festen Beziehung kommen sie nicht zur Ruhe. Dann gibt es Menschen, die vom plötzlichen Gefühl der Leere sprechen, welches sich, wenn sie es zulassen, anfühlt wie ein endloser Sog ins Nichts und in die Selbstauflösung. Um diesen Zustand nicht spüren zu müssen, flüchten manche in die Arbeit, in Süchte oder andere eigenartige „Ressourcen“.
Mit diesem Buch möchte ich auf keinen Fall jeder Leserin und jedem Leser einen verlorenen Zwilling „andichten“. Aus meiner Praxis weiss ich jedoch, dass es viele Menschen gibt, die schon seit Jahren auf der Suche nach der Lösung ihres Problems sind – und dieser Aspekt könnte vielleicht der Schlüssel dazu sein. Neulich brachte es eine Klientin auf den Punkt:
„Das Schwierige an der Zwillingsgeschichte ist, dass sie so tief im Unbewussten schlummert. Alle Probleme, die man bewusst miterlebt hat, kann man aufarbeiten. Die sind sozusagen einfach gegen etwas, was aus der embryonalen Zeit stammt. Ich habe das ganze Leben versucht, Klarheit über mein „Leiden“ zu kriegen. Die Frage, ob ich nach etwas gesucht hätte, konnte ich nicht beantworten. Jetzt ist mir aber klar, dass ich mich das ganze Leben gefragt habe, was ich bloss angestellt habe, dass es mir so schlecht geht. Die ganzen Therapien dienten genau dieser Suche. Was ich erlebt habe bei vielen Therapieformen, war, dass nur wenige bei mir gegriffen haben. Meistens ging es um Familiengeschichten, Selbstbewusstseins-Probleme oder ähnlich „Greifbares“, ich schaute auf die Leute in der Gruppe, hörte deren Geschichten und dachte immer, mein Problem ist nicht dabei. Ich hatte das Gefühl, ich konnte mich so „entgrenzen“, dass ich mich verflüssigte und irgendwie gar nicht mehr da war. Ich hatte über Jahrzehnte das Gefühl, keine Struktur und auch keinen Charakter zu haben, auch keine Stabilität. Ich dachte, ich kann so sein oder auch so. Ich bin so dünnflüssig, dass ich mich allem anpassen kann. Aber von dem Moment an, als ich mit einem Partner in einer Beziehung war, blieben alle Symptome weg: keine Erschöpfungszustände, keine Angstzustände, keine Panik. Mein Körper war völlig normal.
Das Buch ist erhältlich im Buchhandel oder über mich + CHF 7.-- (Porto und Versand)
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